Minimalismus mit Kind(ern) – geht das?

Minimalismus ist ein Thema, das derzeit auf unterschiedlichen Blogs und anderen Publikationen viel Aufmerksamkeit erfährt.
In unserer vom Konsum geprägten westlichen Welt, in der eine Vielzahl von Produkten online und offline verfügbar ist und wo die meisten Menschen über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, Gegenstände und Dienstleistungen ohne lange Wartezeiten zu erwerben, wächst die Sehnsucht nach einem bewussten, nachhaltigen Umgang mit Konsum.
Es hat sich wohl jede*r von uns schon mal gefragt, ob man wirklich so viele Bücher, Bekleidung, Dekoartikel etc. pp. benötigt – spätestens wenn ein Umzug ansteht und man vor der Aufgabe steht, sein Hab und Gut in Kisten zu packen. 
Der Wunsch nach mehr Einfachheit bezieht sich aber nicht nur auf den Umgang mit Gegenständen, sondern auch darauf, wie man seine Zeit verbringt. Minimalismus bedeutet auch, seine Prioritäten neu zu sortieren und die Lebensenergie neu zu fokussieren.
Wer Minimalismus nur als Programm zum „Ausmisten“ begreift, denkt zu kurz. Neben Tipps zum Ausmisten und Ideen für einen einfacheren Lebensstil ist es wohl die größte Herausforderung, seine Zeit und Energie so zu bündeln, dass einen der Alltag nicht unnötig aufreibt
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Das Konzept Minimalismus hat mich schon immer interessiert, vor allem in der Zeit nach meinem Studium.

Die Entscheidung als Berufstätige in einer WG zu wohnen und auf eine Auto zu verzichten? Klar minimalistisch geprägt. Regelmäßig Bücher in Bücherschränke bringen, Plattformen wie Ebay oder Kleiderkreisel zu verwenden, um Kleidung und Einrichtungsgegenstände zu kaufen ebenso. Dazu die Befriedigung vor einem Umzug so viel auszusortieren, dass man einige Kisten weniger packen muss. Ja, als junger Mensch ohne Familie fand ich Minimalismus verführerisch einfach und klar umzusetzen. 


Eine neue Situation!

Mit der Geburt meiner Tochter hatte ich mit einem Mal die Situation, die Bedürfnisse eines kleinen, relativ hilflosen Menschen in die Gleichung einzubeziehen. Was braucht ein Kind? Was denkt die Gesellschaft, was ein Kind braucht? Was brauche ich als Mutter, brauchen wir als Eltern, um unseren Alltag angenehm zu gestalten?
Wir können uns darauf einigen, dass ein Säugling am Anfang nicht viel zum glücklichen Überleben braucht: Ein sicheres Dach über dem Kopf, Nahrung, Wärme, Zuneigung, Geborgenheit. Eltern, die auf die Bedürfnisse des Kindes liebevoll eingehen können. Ein wenig Kleidung, ein Tragetuch oder ein Kinderwagen, Windeln (egal ob aus Stoff oder Wegwerfwindeln), vielleicht noch ein guter Autositz, wenn man mobil sein möchte. Viele der genannten Dinge findet man günstig im Internet oder auf Flohmärkten, so dass man gut mehrere Hundert Euro für die Erstausstattung einsparen kann.

Für uns gab allerdings einige (nicht wenige) Produkte, die entbehrlich waren: So haben wir im geheizten Badezimmer auf dem Boden gewickelt, was uns eine Wickelkommode und einen Heizstrahler gespart hat. Aufgrund unserer Wohnsituation ist ein Babyphone verzichtbar, wir sind in unserer Dreizimmerwohnung nie weit weg von unserer Tochter. Ein Beistellbett gab es am Anfang, wurde aber zugunsten des Familienbetts abgeschafft. Stubenwagen, Wiege, Wippe, keines davon haben wir uns gekauft. Ebenso haben wir auf Babyshampoo und Feuchttücher verzichtet; schnell haben wir ein einfaches, günstiges Stoffwindelsystem für uns entdeckt (Mullwindeln mit Überhose) und darüber hinaus mit Abhalten (auch als „windelfrei“ oder „elimination communication“ bekannt) eine Menge dreckiger Windeln eingespart. Da wir in der Stadt wohnen und günstig Bahn fahren können, haben mein Mann und ich weiterhin auf einen eigenen PKW verzichtet und im Bedarfsfall auf ein Mietauto zurück gegriffen.

Hier wird auch klar, dass es nicht das eine Patentrezept für alle Familien gibt. Unsere Entscheidung gegen ein Auto ist nur möglich, weil wir zentral wohnen und mein Mann seinen Arbeitsplatz gut mit Fahrrad oder S-Bahn erreichen kann. Minimalismus muss neben allem Idealismus auch praktikabel sein, sonst kann man ihn nicht dauerhaft leben.

Nach etwas mehr als einem Jahr kann ich darüber hinaus folgendes feststellen:
Entgegen aller Überlegungen zum Verzicht bzw. zum klugen Konsum sammeln sich doch wieder Gegenstände in doppelter und dreifacher Ausfertigung im Haushalt; sei es, dass ich mir aus Spaß an der Materie mehrere Tragetücher und Tragehilfen gekauft habe, sei es, dass wir von Freunden und Verwandten viele Teile doppelt geschenkt bekommen haben. Ganz vermeiden kann man Redundanzen nicht, selbst wenn man einige Absprachen im Vorfeld getroffen hat.

Materieller Minimalismus mit Kind ist eine besondere Herausforderung.

Es erfordert, immer wieder die eigenen Bedürfnisse und die des Kindes neu zu priorisieren.
Aber es geht nicht nur um Konsumgüter. Wie möchte ich mit Kind meine Zeit einteilen?
Möchte ich jede Krabbelgruppe mitnehmen, möchte ich zum Babyschwimmen und zur musikalischen Frühförderung?
Welche dieser Termine geben mir wirklich etwas und welche stressen mich nur?
Aufs Babyschwimmen haben wir verzichtet, da es in Erzählungen immer recht stressig wirkte. (Lange An- und Abreise zum Schwimmbad, viele Vorbereitungen, um am Ende vielleicht 20 Minuten im Wasser zu sein.) Stattdessen gehen wir in unregelmäßigen Abständen mit unserer Tochter ins nahegelegene Hallenbad. Dann, wenn es uns allen passt und nicht nach festem Terminplan.
Mit der Zeit habe ich nette Angebote vor Ort gefunden; anstatt am Pikler-Treff teilzunehmen und eine Anreise von mindestens 30 Minuten hinter uns zu bringen, gehen wir zum Kinderturnen im Stadtteil. Das ist vielleicht pädagogisch nicht ganz so ausgereift, aber für uns wesentlich praktischer.
Hier wird natürlich wiederum klar, dass wir als Bewohner einer Großstadt sehr viele Freiheitsgrade haben; eine Familie im ländlichen Raum hat mit Sicherheit weitaus weniger Wahlmöglichkeiten. Dennoch bin ich sicher, dass Minimalismus nicht nur den Bewohnern des urbanen Raums vorbehalten ist.

Minimalismus mit Kind ist in meinen Augen ein Stück weit machbar, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Bedürfnisse aller Familienangehörigen gehört werden wollen – was unweigerlich zu mehr Kompromissen führt als bei einem Leben ohne Kinder.
Wie so oft im Leben sind Extreme schwierig zu leben und so plädiere ich für einen entspannten Minimalismus, der Ausnahmen kennt und der sich immer wieder neu an die Anforderungen einer Familie anpasst. Zum Beispiel haben wir im ganzen ersten Lebensjahr den Kinderwagen nicht gebraucht und waren kurz davor, ihn zu verkaufen. Seit Beginn des zweiten Lebensjahres hingegen setzen wir den Kinderwagen regelmäßig und gerne ein.

Mein Tipp an alle, die mit Kind minimalistisch leben wollen:
Seid flexibel und vertraut eurer Intuition, anstatt einen starren Plan zu verfolgen. Seid kritisch, aber nicht überkritisch mit euren Entscheidungen und akzeptiert, dass sich Prioritäten immer wieder verschieben werden. Probiert Dinge aus, ergebnisoffen und undogmatisch. Minimalismus ist ein Konzept, welches euch das Leben einfacher machen soll – und so sollte es sich auch anfühlen.


Kulmines Leseempfehlung für alltagstauglich gelebten Minimalusmus ist mamadenkt.
Witzig, vielseitig und kreativ berichtet Rage auf ihrem Blog und nimmt dabei auch die Themen DIY und Nachhaltigkeit mit!

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