Die selbstbestimmte Geburt hier, heute und in Zukunft!

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Schwangerschaft und Geburt sind natürliche kraftvolle Vorgänge, die nur in Ausnahmefällen ärztlicher Hilfe bedürfen. Um uns dieser Perspektive zu nähern haben wir eine Reihe an Texten zusammengestellt, die weiter wachsen dürfen – als Inspiration für alle zukünftigen Gebärenden.

Nicht noch jemand, die dir sagt, was du tun sollst – sondern jemand, die dir hilft zu tun, was du möchtest.


Schon seit längerem bin ich zutiefst beunruhigt darüber, dass ich zu der schrecklichen Geburtssituation in Deutschland und vielen anderen Ländern keinen Gegenentwurf parat hatte. Eine sehr gute Zusamenfassung der kathastrophalen Lage kann bei Motherhood nachgelesen werden.

Selbstverständlich ist es wichtig, sich zu empören, zu demonstrieren und Petitionen zu unterzeichnen. Doch ich hatte immer das Gefühl: etwas fehlt.


Die Idee

Anfang April war der Knoten geplatzt, endlich hatte ich eine Idee – und sie passt auch noch gut zu Kulmine! Vor dem Hintergrund eines Berichtes über eine selbstbestimmte Geburt empörte sich eine Frau in einem Kommentar auf der Facebook-Seite von Kulmine über die Aussage eines Arztes.
Später entschuldigte sie sich bei mir für diesen öffentlichen Wutausbruch, bekräftigte gleichzeitig aber noch einmal ihre Kritikpunkte. Noch während ich ihr antwortete, kam mir die Idee.
Aber lest selbst:

Die Mail

„Liebe M.,
ich kann deine Wut gut nachvollziehen! Alle Kulminefrauen sind empört und wütend! Ich suche schon länger nach der positiven Aussicht in dem ganzen Dilemma.
Es darf nicht sein, dass die Geburt immer mehr fremdbestimmt wird und die Frauen verstärkt das Vertrauen in ihre Kraft verlieren.
Eine große Zahl von verfügbaren Berichten zu freien Geburten könnten vielleicht verhindern, dass die Frauen selbst glauben, sie seien unter der Geburt hilflos oder sogar krank. Es könnte verhindern, dass sie glauben, sie müssten ihre Verantwortung und freien Willen beim Thema Geburt generell an Krankenhäuser und Ärzt:innen abgeben.
Alle Frauen, die wissen, wie es ist, selbstbestimmt und lebendig zu gebären, können andere Frauen und Männer inspirieren und ihnen damit ermöglichen, an sich zu glauben!
Das ist ein Gegengewicht, an das ich glauben kann. Sonst bleiben einige wenige selbstbewusste Frauen mit ihrem Wissen abgeschottet und unter sich. Dabei sollte dieses Wissen zumindest allen frei zugänglich sein!“


Deshalb laden wir hier Frauen und Männer dazu ein, von ihren selbstbestimmten Geburten zu berichten.

Für einen Bericht müssen es keine perfekten Geburten unter optimalen Bedingungen gewesen sein. Grundsätzlich geht es darum, ob die Frauen und Paare selbst bestimmen konnten, was mit ihnen geschehen sollte und dass sie ihrem Gefühl und ihrer Intuition folgen konnten.
Egal, ob ihr Zuhause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus geboren habt, es eine Alleingeburt, eine Geburt zusammen mit Hebammen oder Ärzt:innen,eine Spontangeburt oder Kaiserschnitt war. All das spielt keine Rolle, solange ihr euch würdevoll und respektiert gefühlt habt.

Aber auch Berichte über Geburten, die nicht so verliefen wie gewünscht sind wichtig und vervollständigen Stück für Stück das Puzzle und unser Bewusstsein darum, was Geburt alles sein kann.


Die Reihe beginnt mit der Geburtserfahrungen von Petra.


Petra hat ihre beiden Kinder vor über 30 Jahren geboren. Damals gab es die Bewegung für eine „Sanfte Geburt“. Nur wenige Krankenhäuser folgten diesem Ansatz und es gab noch wesentlich weniger Geburtshäuser als heute. Ihr war ganz klar, dass sie sich unter der Geburt sicher fühlen wollte. Sie wollte nicht für ihre Würde, ihren freien Willen oder gar Gewaltfreiheit kämpfen müssen und auch nicht für die Unversehrtheit der Neugeborenen.
Petra wünschte sich Unterstützung bei einer möglichst natürlichen Geburt und danach beim Stillen. In ihrer Region gab es einen Arzt, dem sie vertraute. Er beschäftigte sich damals mit den Methoden von Leboyer und Odent und tat sein Möglichstes für den Schutz der Neugeborenen. Auch das Stillen war für ihn enorm wichtig.
Er arbeitete gemeinsam mit einer Hebamme, die seinen Ansatz teilte und schon über 600 Geburten mit ihm betreut hatte. Bei jeder der beiden von Petras Geburten fuhr sie 60 Kilometer, um in Begleitung von Arzt und Hebamme gebären zu können. Noch heute ist sie froh darüber, denn sie wusste, dass sie viele Aspekte der üblichen Geburtshilfe zumindest als verunsichernd oder gar als traumatisierend und gewalttätig empfunden hätte.
Die Geburten liefen ab, wie zuvor besprochen. „Wir durften in Ruhe mit uns sein. Und doch erschien die Hebamme immer, wenn ich nur dachte: ,Jetzt brauche ich sie‘.“
Doch die Wehen dauerten nicht lang: beide Male waren die Kinder nach drei Stunden geboren. Trotzdem hatte Petra das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben: „Ich konnte jederzeit meine Position wechseln, mit Mann einfach da sein oder auch bei der zweiten Geburt mit Mann und einer Freundin. Ich fühlte mich respektiert und unterstützt – völlig wohl und sicher.“ Beide Jungen wurden um Mitternacht geboren, niemand dachte an einen Schichtwechsel der Hebamme. Der Arzt ging nach Hause, aber nicht, weil er nachlässig war. Vielmehr fand er, dass einfache Geburten in die Hände der Eltern und der Hebamme gehörten. Beide Male kam er kurz nach Mitternacht ohne Murren und froh über die leichten Geburten wieder dazu.
In Petras nahem Bekanntenkreis gab es ansonsten nur Frauen, die eine Hausgeburt planten, ins Geburtshaus gingen oder – wenn nötig – mit ihrer Beleghebamme ins Krankenhaus fuhren. 

So ging Petra mit der Zeit der Bezug zum üblichen Geburtsablauf in Krankenhäusern verloren. Allerdings las sie im Laufe der Jahre ausschließlich von tollen Kreißsälen in Krankenhäusern und davon, wie eine Geburt sanfter als die nächste sei. Vor einigen Jahren lernte sie jedoch eine junge Hebamme kennen, die in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet hatte: „Bis dahin glaubte ich wirklich, dass die ,Sanfte Geburt‘ im Krankenhaus inzwischen normal geworden ist und dass davon abweichende Berichte nur Ausnahmen sind.“
Doch die Schilderungen der jungen Hebamme desillusionierten Petra sehr: „Sie meinte, oft sei die ,Sanfte Geburt‘ eine Marketingstrategie. Innerhalb des Krankenhauses ging es aber um Zeit, Geld und Macht.“ Eine ältere Bekannte, die früher als Hebamme im Krankenhaus gearbeitet hatte und nach langer freiberuflicher Tätigkeit aus finanziellen Gründen wieder im Krankenhaus anfing, hielt dort nur ein paar Monate durch. Sie erlebte den Zeitdruck als unmenschlich für die Gebärenden und das Personal gleichermaßen – so kündigte sie wieder.

Durch diese Berichte aufmerksam gemacht, begann sich Petra wieder neu zu informieren:
„Da ich den Start in das Leben so wichtig finde, wuchs mein Interesse für Schwangerschaft und Geburt in der heutigen Zeit und erschrocken musste ich feststellen, wie schlimm die Lage mittlerweile schon geworden ist.“

Schließlich wurde daraus die Idee geboren, eine positives Gegenstück zur sich verschlechternden Geburtssituation zu schaffen und auf dem Blog von Kulmine eine Plattform zu schaffen, in der Raum ist für das, worüber sonst nicht geredet wird.

Teilt eure Geburtserlebnisse! 
Teilt eure Selbstständigkeit, die Würde und das Wunder der Geburt!


Berichte können gerne per Email mit dem Betreff „Geburtsbericht“ geschickt werden.
Sie werden je nach Wunsch anonym oder mit (Vor)Name auf dem Blog erscheinen.

Weiterführende Links zu dem Thema:

Über die Arbeitsbedingungen einer Hebamme im Kreissal: Manchmal betreue ich parallel drei Frauen mit Wehen

Roses Revolution: Über den internationalen Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe

Ein Podcast des WDR: Weinen hilft dir jetzt auch nicht: Gewalt in der Geburtshilfe (Inhaltswarnung zu detaillierten Beschreibungen von Gewalt während der Geburt.)

Birth Becomes Her: Eine ganz besondere Sammlung von Bildern rund um die Geburt (Facebook)

Ein historischer Blick auf Geburtspositionen im Kontrast zur heute verbreiteten Position.

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